06. Oktober 2017, Allgemein

Jedes Original erzählt eine Geschichte

Ein Original unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der Kopie. Es ist hochwertiger, langlebiger und wird nicht älter, sondern schöner. Entstehen kann es nur durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Designer und Hersteller. Denn ein Hersteller hat nicht nur das Recht an der Produktion, sondern meist auch eine ideelle Beziehung zum Designer. Er muss an die Vision glauben und ihn nicht nur bei der Herstellung, sondern auch bei der Entwicklung unterstützen. Bis ein erster Entwurf serienreif ist, müssen Prototypen getestet, ausprobiert und doch wieder verworfen werden. Schritt für Schritt muss ein Produkt verbessert und optimiert werden. Vitra arbeitet eng mit seinen Designern zusammen. Dadurch entstehen nicht nur Originale, sondern auch Geschichten. Drei davon stellen wir Ihnen vor.

 

Design füllt die Lücken des Alltags

© Eames Office LLC

Die Geschichte des Aluminium Chairs – und damit die Geschichte eines der bedeutendsten Möbelentwürfe des 20. Jahrhunderts – beginnt mit einer leeren Terrasse. Im Jahr 1957 beauftragt der Industrielle J. Irving Miller den Designer und Innenarchitekten Alexander Girard mit der Gestaltung seines Hauses. Kurz vor der Vollendung verzweifelt Girard – er findet keine geeigneten Möbel für den Außenbereich des hochmodernen Hauses. Als er bei seinem Freund Charles Eames zu Besuch ist, beklagt er sich über diese Lücke am Markt. Eames wird hellhörig und beginnt mit seiner Frau Ray einen Stuhl zu entwickeln: elegant, einfach in der Konstruktion, robust und witterungsbeständig. Bei der Suche nach einem geeigneten Material fällt die Wahl schnell auf Aluminium, denn es ist 

wasserunempfindlich und extrem leicht. Ideal für einen Gartenstuhl. Ray und Charles Eames entscheiden sich für eine intelligente Konstruktion, bei der zwei geschwungene Seitenholme auseinandergedehnt werden. Dazwischen spannen sie aus Textil einen Sitz und die Rückenlehne. Auf den ersten Blick ein einfaches Konstrukt, doch die Genialität liegt in den Details wie Material, Gestaltung und Handwerk. Oder um es mit Charles Eames’ Worten zu sagen: „The details are not the details. They make the design.“ Weil der Stuhl so gut ankommt, wird eine ganze Produktfamilie entwickelt unter dem Namen „Eames Aluminium Group“. Obwohl die Stühle ursprünglich für den Außenbereich gedacht waren, sind sie heute fast nur noch im Innenbereich im Einsatz. Unverändert ist der Montageprozess: Genau wie vor 60 Jahren braucht es sechs erfahrene Mitarbeiter von Vitra und ganze 40 Minuten Zeit, um einen Eames Aluminium Chair zu montieren. Solch ausgefeilte Planung und sorgfältiges Handwerk zahlen sich bei der Qualität aus. Deswegen gewährt Vitra 30 Jahre Garantie auf den Aluminium Chair – gibt es ein besseres Argument für das Original?

Ein Stuhl, der Mut verlangt

Ganze 40 Jahre dauert es, bis aus der kühnen Idee des Designers Verner Panton, einen freischwingenden Kunststoffstuhl in skulpturaler Form herzustellen, eine serienreife Produktion wird. Bereits Ende der 1950er Jahre entwickelt Panton einen ersten Entwurf, ohne dass ein Hersteller wirkliches Interesse zeigt. Auch Willi Fehlbaum – Gründer von Vitra – weiß nicht, wie man den Stuhl realisieren könnte. Anders sein Sohn Rolf: Als er eines Tages zu Besuch bei dem dänischen Designer ist, entdeckt er ein Modell des Panton Chairs und ist überrascht, dass er nicht produziert wird. Mit der Antwort, dass alle bisherigen Hersteller den Entwurf für zu gewagt gehalten und deswegen abgesagt hatten, gibt er sich nicht zufrieden. Er ist so begeistert von dem Entwurf, dass er sofort einen Vitra-Techniker anruft und die Produktion ins Rollen bringt.

So startet Vitra im Jahr 1963 die Entwicklung der wohl auffälligsten Ikone des Stuhldesigns. Die waghalsige Idee entpuppt sich schnell als kaum realisierbar. Die Formvorstellung ist zu komplex, als dass man sie mit den damaligen Möglichkeiten der Kunststofftechnik und den produktionstechnischen Erfordernissen in Einklang bringen könnte. Vier Jahre lang forscht Vitra mit Verner Panton weiter. Innovative Ideen verlangen eben Geduld und Idealismus. Zahlreiche Prototypen werden angefertigt und wieder fallengelassen. Erst 1967 kann der Panton Chair in einer kleinen Serie von 150 Stück aus kaltgepresstem, fiberglasverstärktem Polyester hergestellt werden. Dennoch ist das Verfahren zu teuer und zu aufwändig, um in Serie gehen zu können. Es folgen Tests mit einem neuen Polyurethan-Hartschaum der Firma Bayer. Ein Jahr später startet eine Serienanfertigung, aber noch immer ist die manuelle Nachbereitung viel zu hoch. Vitra glaubt an die Vision und experimentiert weiter. Ein neuer, von BASF entwickelter thermoplastischer Kunststoff verspricht die Lösung des Problems zu sein. Allerdings ist das Material nicht so robust wie angenommen und führt schließlich sogar zu Brüchen des Stuhls. Ein Schock für Vitra, legt das Unternehmen doch großen Wert auf Qualität. Die Produktion wird 1979 eingestellt. Erst 1990 wagt Vitra einen neuen Versuch aufgrund der immer ausgeklügelteren Kunststofftechnologien. Diesmal wird der Stuhl aus Poly­propylen gefertigt und kann endlich kostengünstig, ohne Brüche in Serie hergestellt werden. Kurz vor der Präsentation des Stuhls 1999 verstirbt Verner Panton. Sein Panton Chair lebt weiter – in zahlreichen Museen, Wohnzimmern und Büros dieser Welt.

Der Stuhl, der Körper und Geist bewegt

Bloß nicht still sitzen lautet das Motto des Tip Tons. Im Jahr 2008 wird das britische Designerduo Edward Barber und Jay Osgerby gebeten, eine Möblierung für die „Royal Society of Arts Academy“ in Tipton auszuarbeiten. Der Leitsatz der Academy lautet: „Learning is challeging, engaging, purposeful and innovative.“ Das trifft auch auf die Entwicklung des Tip Tons zu: Bei ihrer Suche nach geeigneten Möbeln merken die beiden, dass es keinen geeigneten Stuhl gibt für das moderne Lernen. Still sitzen und zuhören war gestern. Weil Vitra mit der ETH Zürich zum dynamischen Sitzen auf Bürostühlen forscht, liegt eine Zusammenarbeit nahe. Die Studie der ETH zeigt, dass eine leicht nach vorne gebeugte Sitzposition die Durchblutung fördert, die Konzentration verbessert und körperliche Beschwerden vermeidet. Barber und Osgerby übernehmen diese Erkenntnis, wollen aber noch mehr: Unzerstörbar soll der Lernstuhl von morgen sein, leicht, einfach zu produzieren, geräuscharm, stapelbar, farbig und komplett recycelbar. Ein intensiver zweijähriger Entwicklungsprozess beginnt: Das Duo fertigt etliche Zeichnungen, Kunstharzmodelle und mehr als 30 Prototypen an. Während die ersten Prototypen noch mit einer Schale und einem Metalluntergestell gebaut werden, sind die Prototypen in der Folge komplett aus Kunststoff. Der Stuhl bekommt um neun Grad geneigte Kufen. Dadurch kann man ihn nach vorne kippen und in der Position bleiben. Weil der Stuhl in Bildungseinrichtungen auf der ganzen Welt stehen soll, muss er etliche Tests überstehen und jedes Mal leicht angepasst werden. Endlich geht der Tip Ton 2010 in Produktion. Der Name ist schnell gefunden, denn Tipton heißt nicht nur die Stadt des Initialprojekts, sondern gibt auch lautmalerisch die beiden Sitzpositionen wieder. Zudem bedeutet „to tip“ im Englischen „kippen“. Damit setzt Vitra nicht nur neue Maßstäbe in der Dynamik des Sitzens, sondern beweist einmal mehr die Kraft guten Designs.

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