11. Januar 2017, Allgemein

Die Farbforscherin

Vitra Art Director Hella Jongerius

Stimmiges Einrichten ist bei Vitra einfach. Dank der Colour & Material Library lassen sich sämtliche Farben und Textilien, Designer und Möbel – egal, ob Klassiker oder Neuheit – einfach miteinander kombinieren. Hella Jongerius war es, die Ordnung in die Farb- und Materialwelt von Vitra gebracht hat.

Wenn Hella Jongerius zu Beginn ihrer Ausbildung an der Designakademie eines nicht werden wollte, dann war es Textildesignerin. Viel zu oft hatte sie sich zuhause mit Farben und Stoffen beschäftigen müssen, wo ihre Mutter, die als Schnittzeichnerin arbeitete, bergeweise Stoffe auf dem Esstisch verteilte. „Aber natürlich haben mich die Textilien doch irgendwie angezogen“, erklärt Jongerius. Glücklicherweise, zählt sie heute doch zu den einflussreichsten Produktdesignerinnen Europas.

Nach ihrem Abschluss 1993 beschäftigte sich die Niederländerin mit Objekten aus industriellen Massenproduktionen, die der Standardisierung zum Opfer gefallen waren. Mit kleinen Kniffen versuchte sie, den Objekten neues Leben einzuhauchen und sie aussehen zu lassen, als stammten sie aus dem Handwerk. Wie handgemacht sah auch ihr erstes Projekt für Vitra aus: Das Polder Sofa, das sie 2005 designte, wirkt auf den ersten Blick eigenwillig mit seinen unterschiedlich großen Kissen, den verschiedenen Farbtönen, den unterschiedlichen Materialien und den zusammengewürfelten Knöpfen. Doch genau diese Unvollkommenheit und Individualität ist es, die Jongerius sucht. Ihr gekonntes Experimentieren mit Stoffen und Farben begeisterte auch Vitra: „Als wir sahen, wie Hella beim Polder Sofa unterschiedlich strukturierte Stoffe und Farben meisterhaft zu etwas ganz Neuem und Energetischem vereinte, wussten wir, dass sie die Richtige ist, um über Farben und Textilien zu sprechen“, erklärt Eckart Maise, Chief Design Officer bei Vitra.

Vitra bat die Designerin, den Einsatz von Farben und unter­schiedlichen Textilien genauer zu untersuchen, um Aussehen und Beschaffenheit der Produkte zu optimieren. Zehn Jahre dauerte ihre Studie, für die sie zuerst das bestehende Vitra-Produktportfolio erforschte, Originalspezifikationen verglich und im Archiv nach alten Entwürfen recherchierte. Daraus entwickelte Jongerius die sogenannte Vitra Colour & Material Library, innerhalb derer sie vier Farbfamilien unterscheidet: Rot, Grün, Hell und Dunkel. Zwischen diesen vier Farbwelten gibt es die sogenannten Brückenfarben: Sie sind dafür gedacht, zwei unterschiedliche Farbpaletten zu verknüpfen. Auf diese Weise lassen sich alle Farben, Designer und Entwürfe der Vitra-Welt beliebig miteinander kombinieren. „Unser Ziel war es, die Colour & Material Library als ein intelligentes und dynamisches System zu entwickeln“, erklärt Jongerius das Konzept.

Manche Farben – die „Signature Colours“ – sind allerdings nur bestimmten Designern vorbehalten. Die Grau- und hellen Blautöne gehören beispielsweise Jasper Morrison. Grün- und Bordeauxtöne sind für Ronan und Erwan Bouroullec reserviert. Damit will Vitra sicherstellen, dass die Arbeit bestimmter Designer ihren individuellen Charakter behält. Gleichzeitig experimentierte Jogerius auch mit unterschiedlichen Materialien und überarbeitete die ​Vitra-Stoffe, indem sie den Anteil an natürlichen Bestandteilen wie Wolle und Leinen erhöhte. Bestehende Materialien frischte sie mit neuen Farben auf. Beim Leder verdoppelte Jongerius beispielsweise die Farbauswahl von 11 auf 22, beim Holz kreierte sie neue Töne, die zu den vier Farbwelten passen.

Seit 2006 ist Jongerius nun Art Director der Farb- und Materialwelt bei Vitra, doch ein Ende ihrer Forschung ist nicht in Sicht: „Ich habe gerade erst damit begonnen, die Auswirkungen von Tageslicht und künstlichem Licht auf Farben und Oberflächenbeschaffenheit zu untersuchen. Danach möchte ich noch Formen, Schatten und die räumliche Gestaltung betrachten. So könnte es ewig weitergehen.“

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